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Zum Brechen mit den Apfelbäumen

Der Sommer der brechenden Äste

Ich schaue nach den Schafen, ob sie Wasser haben, und gehe über die Stadelweide, das ist die gegenüber des Misthaufens, wo die vielen alten Apfelbäume stehen. Einer davon ist vor zwei Jahren umgefallen, weil er einfach schon alt war. Wir haben das Astwerk entfernt und den Strunk mit zwei Hauptästen liegen lassen, damit wir drauf sitzen können, und die Lämmer damit spielen. Wer weiß, vielleicht wirkt es auch als Insektenhotel.

Der alte Weingartenpfirsich steht auch auf der Weide. Den hat’s auch vor ein zwei Jahren erwischt. Erst war er bis zu einer gewissen Höhe blattlos, dann ganz und am Stamm hat sich schlängelförmig die Rinde abgelöst. Ja, Alterserscheinungen, denke ich mir.

Ich gehe weiter und sehe den einen Ast vom großen Grafensteiner-Apfel-Baum. Der ist schon vor ein paar Wochen runter gebrochen, weil er so voller Äpfel war.

Wir hatten 2016 und 2017 jeweils einen späten Frost, der die Blüten der Apfelbäume zerstörte, sodass wir sehr wenig Ernte hatten (so, dass wir keinen Saft machten, und auch kaum zum Lagern hatten). Dieses Jahr jetzt, nach zwei Jahren Pause, ohne Frost und mit sehr guten Niederschlagsbedingungen bei gleichzeitig viel Sonne, wollten die Apfelbäume zeigen, was sie können. Und krach, da war’s zu viel. Traurig, aber dieser eine Ast hing eh schon nahe zur Straße, und hätte wohl ohnehin gestutzt oder entfernt werden müssen. Also säge geholt und zusammengeschnitten. Immerhin haben sich die Schafe über das Laub gefreut.

Aber dann sehe ich da noch einen Baum, von dem die Hälfte herunter gebrochen ist. Und noch einen. Und dort noch ein großer Ast, fast die Hälfte, und dort drüben ist einer ganz umgebrochen. Einige dieser Äste hatten wir sogar extra mit Stangen gestützt um genau das zu verhindern. Bei anderen hätten wir aufgrund des Winkels und der Stärke des Astes/Stammes nie gedacht, dass sie brechen würden – wir hätten sie wohl auch nicht zu stützen vermocht, wenn wir gewollt hätten.

Ich sehe es und meine Lust weiter zu machen sackt in die Hose. Das bedeutet stundenlanges aufräumen, Ernteverlust im Bereich der hunderten Kilogramm und außerdem, dass meine Bäume beschädigt sind, und überhaupt haben wir gerade so viel anderes zu tun. Pfui! Wenn ich mir vorstelle, was die Apfelbauern durchgemacht haben müssen, denen es vorletztes Jahr mit dem späten Nassschnee die ganzen Plantagen kaputt gemacht hat. Zum Glück steht bei unserem Streuobst noch weit mehr als die Hälfte. Verluste ja, aber kein Totalausfall.

Aber trotzdem sind es solche Rückschläge, die man in der Romantik-Version des Traums vom Leben auf dem Land nicht vorsieht. Wir haben uns ja an viele Ärgernisse gewöhnt, aber irgendwann reichts dann auch mal. Während ich das schreibe liegt einiges von dem Holz und den Äpfeln auch noch auf der Weide. Meine Laune und meine Einstellung haben sich aber geändert:

Erstens geht es vielen Bauern in der Gegend so. Ich darf also von meinem Muster abweichen, die alleinige Schuld in meiner Unfähigkeit zu sehen, die Bäume richtig zu stützen. Außerdem haben die Bäume schon einige große Schnittflächen, wo wohl schon früher sterbende oder gebrochene Äste entfernt wurden. Alte Hochstämmer sind eben so. Ja, wir haben uns dafür entschieden, Streuobst zu haben, und offensichtlich ist das einfach, was es bedeutet Streuobst zu haben. Die Koglerin erinnert mich daran, dass wir eh 16 junge Bäume gepflanzt haben, und wieder pflanzen werden, und dass zum Kreis des Lebens eben auch das Ende der Alten dazu gehört. Ja, die Worte hör ich wohl, aber zu trösten haben sie mich erst nach einer Weile vermocht.

Nachbar Elmar nimmt’s auch halbwegs locker: Immerhin brennt Apfelholz fast so gut wie Buche, also haben wir für den nächsten Winter schon einen Teil der Waldarbeit gemacht.

So kann man es wohl auch sehen, und das ist ein bisschen weniger dunkel als der Frust, der von mir Besitz ergriffen hat. Ein Schritt nach dem andern, genießen was man hat, erinnern, warum man sich dafür entschieden hat. Erinnern, was man noch erreichen will, und dass Rückschläge zum Weg gehören, erinnern, dass der Weg auch Ziele hat, die sich lohnen, dafür zu schwitzen. Hoffen, dass Freundinnen, Bekannte und Kunden auch weiter mit uns gehen werden, und dass wir hier mehr erzeugen als nur ein bisschen essen.

Langsam hebt sich die Laune, die Ohren sind wieder offen für das Fiepsen und Piepen der Hühnerkücken, für das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Katzenjungen beim Spielen im Gebüsch.

 

Achja. Und vielleicht hilft die Perspektive, dass wir dieses Jahr nicht nur Apfelsaft machen, sondern mit Nachbars Hilfe das Projekt Obstler angehen wollen.