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Den Schongang einlegen

Happy birthday to me… singt der Kogler leise vor sich hin, als ich um 6:00 früh bei der Tankstelle in Gleisdorf aussteigen will. Ich fühle mich wie die schlechteste Ehefrau der Welt. Ich habe eine Mitfahrgelegenheit zum agrarpolitischen Grundkurs in Oberösterreich gefunden, der Kogler ist mit dem ersten Kikeriki aufgestanden, um mich herzuführen. Und ich denke noch nicht mal daran, ihm alles Gute zu wünschen. Zu meiner Verteidigung habe ich anzuführen: Ich leide an Stilldemenz, das dafür verantwortliche Baby nehme ich mit zum Grundkurs und zwischen der Lammfleischlieferung nach Wien und dem Startschuss in Oberösterreich hatte ich einen Tag zu Hause, der mit dem Erledigen der dringendsten Haushalts- und Hofangelegenheiten mehr als dicht war, nach dem Packen war kurz vor Mitternacht und obwohl ich das Baby vorsorglich zum Kogler gelegt habe, damit ich ein paar Stunden ungestörten Schlaf kriege… jetzt habe ich den Faden verloren. Wie auch immer, ich hätte bestimmt im Laufe des Tages an seinen Geburtstag gedacht, und falls ich es noch nicht erwähnt habe: einen Hof als Kleinfamilie zu führen hat sich aus gutem Grund gesellschaftlich nicht durchgesetzt. Genauso wenig wie am Land nur ein Auto zu haben und das mit dem mobil sein trotzdem irgendwie hinzukriegen.

Dabei könnten wir moderne – sprich klimafreundliche und leistbare – öffentliche Verkehrskonzepte rein technisch und finanziell längst umsetzen, aber insbesondere dort, wo es konservative bis reaktionäre Mehrheiten gibt, fehlt es dazu am politischen Willen. Das beunruhigt uns, denn es ist auch unser Planet, um den es da geht, und auch unsere Kinder, denen wir die Zukunft rauben. Also setzen wir uns für Denkanstöße ein und für Veränderungen. Ich als agrarpolitisch gebildete Bäuerin, und der Kogler vizebürgermeistert und ortsparteivorsitzt, so gut er kann, um fortschrittliche Kräfte zu bündeln. Und weil nach dem Wahlkampf (Landtag) vor dem Wahlkampf (Gemeinderat) und auch ohne Kämpfe immer viel los ist, kann frau schon mal einen Geburtstag verschleppen. Der Kogler verzeiht mir fast sofort, ich selbst bin bis zum Abendessen auch wieder im Reinen mit mir. Und nutze die Gelegenheit, um mit den anderen Teilnehmenden über unsere Hühner zu sprechen. Genauer gesagt darüber, wie sich das Federvieh füttern ließe ohne dabei auf das zurückzugreifen, was der Mensch essen könnte, Stichwort Nahrungskonkurrenz. Der „Vogel, der täglich gebiert“ – so nannte man im alten Babylon das Haushuhn – braucht genau wie wir vor allem Kohlehydrate, Proteine und Fett, und ist ebenso ein Allesfresser.

Hühner gibt es auf dem Bauernhof also nicht nur, damit der Kogler rechtzeitig aufsteht oder die Jungkoglerinnen einmal im Jahr Nester suchen können (von wegen Osterhase, und eigentlich auch: von wegen einmal im Jahr). Es gibt sie, weil sie zaubern können: das, was im Rahmen der menschlichen Ernährung übrig bleibt, verwandeln sie in ein hochwertiges, gut verdauliches und vergleichsweise ressourcenschonend erzeugtes Lebensmittel, das Hühnerei. Küchen- und Schlachtabfälle, übrige Mahlzeiten, abgelaufene Lebensmittel, altes Brot – bekommen bei uns alles die Hühner. Die vertragen das selbst dann, wenn es nicht mehr ganz frisch ist. Auch Gras, Samen, Würmer und Insekten stehen auf ihrem Speiseplan, und wenn die Katzen eine Maus liegen lassen gibt es ein Hennenrennen: der Schnellsten hängt ein kleiner Nager aus dem Schnabel, der Rest der Schar ist ihr dicht auf den Federn.

Zum Nahrungskonkurrenten des Menschen wird das Huhn erst in der industrialisierten Landwirtschaft, wo sowohl Legehennen als auch Masthühner vor allem mit Getreide gefüttert werden. Jetzt muss man natürlich schon auch erwähnen, dass da mitunter zu Viehfutter wird, was eigentlich für den Menschen angebaut aber nach der Ernte als zu klein/groß/hässlich oder sonst wie nicht handelstauglich klassifiziert wurde. Oder Nebenprodukte der Nahrungsmittelerzeugung, etwa wenn Raps gepresst wird und ein Ölkuchen übrig bleibt. Ein zu großer Anteil der Futtermittel wird dennoch dort angebaut, wo stattdessen Nahrung für den Menschen wachsen könnte. Und auch hier am Koglerhof reichen die Reste nicht aus, um unsere kleine Schar von etwa zehn Hennen, deren Küken und ein paar Hähnen satt zu kriegen. Wir besorgen Weizen und Mais bei einer Futtermühle, und genau damit wollen wir aufhören: mit dem Zukaufen und wenn irgendwie möglich überhaupt mit dem Füttern von Getreide.

Natürlich weiß ich, dass es nicht einmal der viel zitierte Tropfen auf den heißen Stein ist, wenn wir unsere Handvoll Hühner anders füttern. Aber darum geht es ja nicht. Es geht um Denkanstöße und um das Ausprobieren von Alternativen. Genau darüber habe ich also mit den anderen geredet, und das waren die Vorschläge: sich mit ein paar hiesigen Haushalten zusammentun und das alte Brot sammeln; die Gaststätten im Ort fragen, was sie mit ihren Essensresten machen; die abgelaufene Ware aus den Supermärkten füttern.

Die Hühner also wieder zu dem machen, was sie auf Höfen seit Jahrhunderten sind: Resteverwerter. Dass das noch nicht im größeren Stil umgesetzt wird hat vermutlich viele Gründe. Einer davon könnte sein, dass es mit Vorschriften zur Fütterung, besonders in der Biolandwirtschaft, nicht so leicht zu vereinbaren ist. Ich werde dranbleiben, aber nicht sofort: Der Babysitter holt jetzt die Jungkoglerinnen ab, und wir feiern den Geburtstag nach.