Ich hätte gerne

Vor knapp einer Woche sind wir aus dem Urlaub zurückgekommen, dem ersten seit drei Jahren. Es hat eine Weile gedauert, bis wir drauf gekommen sind, dass Familienbesuche in Wien oder Bregenz nicht dasselbe sind wie Urlaub. Auch schön, wichtig vor allem, und günstig, keine Frage, aber nicht dasselbe.

Wir und das Kind haben den Appartement-Aufenthalt an einem der wunderbaren Seen dieses Landes genossen, so sehr, dass ich am Ende zum Bauern gesagt habe: Ziehen wir wieder nach Wien!

Seitdem renne ich vor der Erkenntnis davon, dass mich mein Leben gerade mal wieder überfordert. Zurück nach Wien ist meine Fluchtfantasie, seit wir aufs Land gezogen sind. Jeder Mensch braucht sowas, um das echte Leben in Würde zu ertragen. Eine so starke Anziehungskraft wie jetzt hat sie schon lange nicht mehr ausgeübt.

Aber so einfach ist das nicht. Erstens hat der Bauer vor wenigen Wochen den roten Ortsparteivorsitz inklusive Vizebürgermeister übernommen. Es kam unerwartet, und was es genau bedeutet, wissen wir auch noch nicht. Aber wir beide finden, es braucht schon mehr als die – keineswegs neue – Erkenntnis, dass ein Hof als Kleinfamilie und mit Nebenjobs ziemlich anstrengend und mitunter frustrierend ist, um dieses Versprechen zu lösen. Zumindest bis zu den nächsten Gemeinderatswahlen 2020 wollen wir also bleiben. Zweitens ist ja nicht gesagt, dass ein anderer Lebensentwurf weniger anstrengend ist, es liegt wohl auch an der Persönlichkeit und der Lebensphase, was man wie gut hinkriegt.

Ich werd jetzt einfach mal ein bißchen was von dem los, was ich  gerne anders hätte, anstatt weiter zu rennen:

  • Ich hätte gerne Sitzauflagen für die Eckbank, die nicht ständig runterfallen, weil sie zu groß sind
  • Ich hätte gerne schon mit dem Taxiunternehmen abgerechnet, das bei unserer Hof-Hochzeit letzten September die Gäste chauffiert hat
  • Ich hätte gerne ein Ablagesystem für alle Artikel und Zeitschriften, die ich aufheben will, und nicht ein Stapelchaos wie derzeit
  • Ich würde gerne nicht so viel gleichzeitig wollen, Workshopbauernhof und Selbstversorgung, glückliche Beziehung, entspannt-liebevolle Mutterrolle, spannenden Nebenjob, Freundschaften, ein Haus, an dem alles seinen Platz hat…
  • Ich hätte gern ein Kinderzimmer für die Nachwuchsbäurin, das ich nicht erst anbauen muss
  • Ich hätte gerne schon einen Facebook-Auftritt für unsere Workshops, ihr wisst schon: Bauernhof mit Aufklärungsanspruch.
  • Ich hätte gerne eine Wasserpumpe mit Zeitschaltuhr, so dass ich nie vergessen kann, wieder abzudrehen. Aja, und ich hätte gerne genug Wasser in der Quelle.
  • Ich hätte gerne, dass frisch gewaschene Wäsche unmittelbar in den Kasten verräumt wird, und nicht eine Woche im Korb herumsteht, bis sich jemand – meistens ich – ihrer erbarmt. (Eine Zeitlang haben wir künstliche Wäschekorbverknappung betrieben, so dass wir einen Korb ausräumen mussten, bevor wir ihn für feuchte Wäsche wieder verwenden konnten. Hat super funktioniert, aber dann gab es Wäschekörbe in allen Farben bei Hofer…)
  • Ich hätte gerne noch viel mehr Ahnung von allem, was mit Agrarpolitik zu tun hat.
  • Ich hätte gerne immer Helferinnen und Helfer da, oder andere Menschen, die dauerhaft hier leben und Verantwortung mit uns teilen.
  • Ich möchte nie mehr um Fünf in der Früh aus dem Bett geklingelt werden, weil unsere ausgebüchsten Schafe in Nachbars Aroniahain stehen.
  • Ich hätte gerne das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben und alles gut genug zu machen.

Beim Durchlesen wird mir klar, dass es sich um First-World-Problems handelt. Das hat der Bauer zum Glück nicht geantwortet, als ich am Telefon in Tränen ausgebrochen bin und ihm dieses mein Leid geklagt habe. (Er befindet sich auf dem Weg zu einer Wochenend-30er-Feier, wie jung manche Menschen noch sind…)

Er hat gesagt: Schatz, ab Sonntag haben wir wieder Hilfe, und außerdem: Denk unser Leben nicht als entweder am Bauernhof oder in Wien. Denk ein Leben in Wien oder am Land, das uns nicht allzu oft überfordert.

Ist gut, ich denke. Und schau mir Fotos an von der Hochzeit. Siehe etwa auch das Bild oben, wundeschön wars.

4 Gedanken zu „Ich hätte gerne“

  1. Hey! Gut geschriebener, ehrlicher artikel! Ich finde es lustig, dass du den niko einfach als “ der bauer“ bezeichnest und die aurelia als „nachwuchsbäuerin“ 😉
    Bussi Andi

    1. Ich hab endlich kapiert, wie das mit den Kommentaren geht! Also, dass ich sie erst freischalten muss, damit sie sichtbar sind. Und jetzt ist mir auch noch aufgegangen, dass ich ja antworten kann. In diesem Sinne: danke für den Kommentar, und schön, dass du dich amüsieren kannst :o)

    1. Hallo Raphy!

      Ja, wir müssen die Kommentare immer erst freigeben. Eine Selbstschutzmaßnahme, weil sonst spambots sehr schnell so eine WordPress-Seite übernehmen. Und ich komme nicht immer in Echtzeit dazu.

      Lg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.