Nach den Sternen greifen

Absoluten Neuigkeitswert hat das jetzt nach mehr als drei Monaten nicht mehr, aber der Vollständigkeit halber sei es erwähnt: Mathilda ist da! Ein fröhliches, entspanntes und selbstverständlich wunderschönes Baby.

„Nein“, habe ich zum Kogler gesagt, „diese Krämpfe im Bauch kommen wohl doch nicht davon, dass ich zu viele Milchprodukte gegessen habe. Lass uns fahren.“ Das war um Mitternacht vor jenem Morgen, an dem ich zum Einleiten der Geburt ins Spital bestellt gewesen wäre. Es war nämlich schon zehn Tage über dem errechneten Geburtstermin, und da kennt die moderne Schulmedizin dann keine Gnade mehr. Ich aber auch nicht, denn das Einleiten wollte ich um jeden Preis verhindern. Also habe ich alles ausprobiert, was dem Körper und dem Kind angeblich auf die Sprünge hilft: Stundenlang spazieren gehen, literweise Hebammentee trinken, ein heißes Bad nehmen und innerlich mit dem Baby verhandeln. Okay, fast alles, die Bauerneinleitung haben wir ausgelassen, obwohl es gerade in unsrem Fall durchaus seinen Charme gehabt hätte, wenn genau das die Wehen auslöst.

Jedenfalls, ein paar Stunden nach Spaziergang, Tee, Bad und Verhandlung sind sie wirklich losgegangen, und ob das nicht so oder so passiert wäre lässt sich nicht mehr feststellen. Ebenso wenig wissen wir, warum Mathilda beschlossen hat, sich zwar brav mit dem Kopf nach unten dabei aber dem Gesicht nach oben in mein Becken zu begeben. Der Kogler und ich haben unmittelbar bevor es losging den letzten Teil der sensationellen ARTE Mondlandedoku gesehen, und da fand sie es vielleicht passend, als Sternenguckerchen auf die Welt zu kommen. Und so ist zwar zunächst alles ruck zuck gegangen, aber plötzlich ist sie festgesteckt, und der Arzt war der Meinung, wir müssen den Druck, sprich die Wehen verstärken. Das fand ich nicht so super, weil mir waren die eh schon wild genug, aber ich ließ mich überzeugen. Wenn ich das jetzt so Revue passieren lassen denke ich mir: Hey, du hast zwischen den Wehen im Kreißsaal mit einem Arzt verhandelt, ziemlich lässig. Die mentale Geburtsvorbereitung hat sich ausgezahlt! Den Kogler dabei haben natürlich auch, der hat mich, wie vorher vereinbart, noch dreimal gefragt, ob das jetzt wirklich in Ordnung für mich ist, einen Wehenverstärker zu bekommen. Und meinen Arm zum Einführen der Kanüle erst freigegeben, nachdem ich das dreimal bestätigt habe. Es war dann immer  noch ein Kraftakt, sie aus dieser ungünstigen Schädellage über die Engstelle im Becken zu manövrieren, aber wir haben es geschafft, und keine fünf Stunden nach den ersten Wehen tat sie ihren ersten Schrei. Ich wollte unbedingt, dass das Baby sofort auf meinen Bauch gelegt wird, so wie es ist, wäre aber selber zu erschöpft gewesen, darauf zu bestehen. Auch das hat der Kogler für mich übernommen, und die Hebamme hat mit dem Abwischen gewartet, bis wir unseren Moment hatten. Geweint habe ich auch diesmal nicht in erster Linie vor Rührung, sondern weil ich froh war, dass es vorbei ist.

Richtig ergriffen war ich dann ein paar Stunden später, als die große Jungkoglerin, die in der Zwischenzeit mit Oma und Opa Haus und Hof gehütet hat, die kleine Jungkoglerin kennen lernte. Es zeigte sich vom ersten Moment: klar ist sie eifersüchtig, aber nicht auf ihre Schwester, sondern darauf, dass sie nicht alles, was wir mit dem Baby machen, auch darf oder kann. Mittlerweile ist der Alltag zu viert bei uns eingekehrt, und im September haben wir auch wieder begonnen zu hosten. Drei Leute aus Kolumbien waren da, die daheim Sozialarbeit im Gefängnis machen und mit uns leidenschaftlich gern politische Diskussionen geführt haben. Sie sprachen kaum Englisch, was umso besser für unser Spanisch war. Über die jüngsten Wahlergebnisse in Kolumbien haben sie sich sehr gefreut. Dann ein Paar mit Kleinkind aus Deutschland, die Mama sehr jung, gerade am Beginn ihres Studiums, und genau so wollte sie das. Sie leben im ehemaligen Osten, und schon für ihre Mutter und ihre ältere Schwester war es ganz klar, das geht, mit Kind studieren, und es wird von Seiten der Uni und des Staates so selbstverständlich ermöglicht, dass ich mich fast schon gefragt habe, warum ich das nicht so gemacht habe und ob das hierzulande auch so easy geht.

Auf meine Erholung im Wochenbett habe ich zunächst nicht ganz so brav geachtet. Dann aber wurden wir darauf hingewiesen, mit welchem zeitgenössischen Helden Mathilda ihren Geburtstag teilt, und da wusste ich, es ist wieder einmal  Zeit. Und sieben Bände Harry Potter kann man nicht lesen, ohne dabei viel zu liegen und sich auszuruhen. Seit Kurzem bin ich damit fertig, und nicht zuletzt das gibt mir die Gelegenheit, hier endlich mal einen neuen Beitrag zu schreiben. Es hat mir gefehlt, es soll wieder öfter vorkommen. Zu Erzählen gibt es genug, vom neuen Widder, vom warmen Herbst, von den Kindern, vom Leben am Land, von unseren Visionen. Hinweis an den Kogler: eine gute Stunde habe ich jetzt für den Text gebraucht, inklusive nochmal Lesen (Er hat Angst, dass uns Hof, Familie, Erwerbsarbeit, Politik und regelmäßig Schreiben zu viel werden. Ich auch. Habe ich schon mal erwähnt, dass sich ein Hof als Kleinfamilie mit Selbstverwirklichungsambitionen kaum führen lässt? Workaway ist wirklich großartig, aber Menschen die dauerhaft hier mit uns leben wären auch echt super).

Apropos Ambitionen: Ende des Monats beginnt der Agrarpolitische Grundkurs der ÖBV (Österreichische Berg- und Kleinbäur*innen Vereinigung), und ich gehe davon aus, ich werde bereuen, dass ich den Kurs nicht schon viel früher gemacht habe.

 

Ein Gedanke zu „Nach den Sternen greifen“

  1. Liebe Isabella,
    ich stöbere gerade in den Texten und Bildern eures Blogs und finde euren Bauernhof großartig und eure Arbeit sehr sehr wichtig!
    Danke für das Erzählen und dass ihr uns einen Einblick in eurem Leben gibt.
    Herzlich Willkommen an kleine Mathilda 🙂
    Liebe Grüße,
    Natasa

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