Warum wir Hähne schlachten
Wieder einmal habe ich zwei Hähne geschlachtet. Wer Hühner hält, und Nachwuchs brüten lässt, nicht nur Hennen oder gesexte weibliche Eier kauft, hat immer das Thema: Es wird auch Hähne geben. Hähne sind vom Sozialverhalten her Patriarchal. Das heißt, einer will die Schar dominieren und hält die anderen klein. Das kann dann mitunter zu richtig süß-seltsamen Dingen führen, wie zum Beispiel, dass junge Hähne sich, wenn sie den Drang zu krähen verspüren, im Gebüsch verstecken, und dort heimlich üben, damit der Große ihnen nicht lästig tut. Es führt aber auch zu Rangeleien und Kämpfen, es führt dazu, dass die kleineren subdominanten Hähne sich vielleicht ein paar Weibchen werben und eine neue Schar gründen, die dann zum Beispiel nicht mehr im Hühnerhaus wohnt, und keinen Zugang mehr zum Futter darin hat.
Und überhaupt: Es führt dazu, dass die Weibchen um einiges mehr männliche Aufmerksamkeit bekommen, als ihnen lieb ist. Es kommt eine riesige Unruhe herein. Insofern besteht eine Notwendigkeit, irgendetwas zu tun. Nachbarinnen, Freunde, Bekannte, immer wieder merke ich, wie Leute versuchen, ihre jungen Hähne an eine liebevolle Familie los zu werden, gerne auch geschenkt, aber bitte, bitte: Nicht gleich schlachten, lasst die lieben kleinen doch leben! Aber wie?
Unsere Antwort ist die Axt. Wir halten Hühner ja tatsächlich auch als Teil unserer Selbstversorgung mit Eiern und Fleisch. Da gehört Schlachten und somit der Tod zum Programm. Nicht ganz einfach, wenn man grundsätzlich den Wert des Lebens schätzt, und versucht, ein gewaltfreier Mensch zu sein. Aber was heißt gewaltfrei schon? Wenn ich nur Hennen kaufen würde, was würde mit den Männchen dort passieren, wo ich sie kaufe? Wenn ich nur das Fleisch kaufen würde, würde ich dann auf Gewalt verzichten, wenn ich ganz auf Fleisch verzichten würde, wie groß wäre die Reduktion meines Einflusses auf andere Lebensformen? Ich meine: Heizen, Verkehr, Gesundheitsversorgung, Arbeitsplatz: Alles das fügt „der Natur“ und ihren Tieren ja auch Gewalt zu, wie groß ist da der Unterschied durch eine Schlachtung, aufs Ganze gerechnet?
Was das Schlachten mich lehrt
Ich denke, das Schlachten führt mir vor Augen, wie vieles davon zusammen hängt. Und auch wenn das komisch klingen mag: Ich denke, das Schlachten, das Töten, das Nehmen eines Lebens macht mich sensibler. Ich denke, es lehrt mich eine gewisse Demut vor dem Leben, vor der Ernährung, vor dem Dasein. Ich denke, indem ich meinen Tieren das Leben nehme, habe ich anlass, mir die Frage zu stellen, womit ich das verdient habe. Und ich kann nicht sagen: Indem ich 20 Euro dafür gebe. Die Antwort muss sein: Indem ich dir ein Leben ermöglicht habe, das den Namen „Leben“ auch verdient. Nicht Qual-Zucht auf möglichst schnelle Gewichtszunahme um in 38 Tagen schlachtreif zu sein, eine Kindheit in einem „Schlafsaal“ mit tausenden anderen Tieren, deren Identität man sich nicht mehr merken kann, weils einfach zu viele sind: Haltung im „familiären Rahmen“, Zugang zu Sonnenlicht, Wind und Wetter, die Möglichkeit zu scharren, allgemein: Huhn zu sein. Das ist das, woran ich mich erinnere, dass ich es geben muss, geben will, damit ich am anderen Ende auch nehmen kann. Ich mache sicher auch Fehler, und die nagen dann manchmal ein bisschen an einem. Aber ich denke, im Großen und Ganzen ist es besser so, als eine perfekt ausbaldowerte Aufzuchts- und Tötungs-Maschinerie. Ich denke, gerade die Störung in der Effizienz, die Handarbeit, der persönliche Bezug, der es auch unangenehm macht, macht es auch lebendig.
Ein kleines Ritual
Deswegen zünde ich beim Schlachten immer ein Räucherstäbchen an, nehme mir ein paar Sekunden oder Minuten, um mich mit der Realität dessen, was ich tue, auseinander zu setzen. Es gibt Orientierung, die der bloße Konsum des Produkts nicht geben würde. Wie viele Stunden Lohn ist das wert? Wie viel Effizienzverzicht ist es? Lässt sich das in ökonomischen Kategorien (ich bin ja Volkswirt) überhaupt fassen, oder merken wir hier das Versagen ökonomischen Denken vor den Fragen des Daseins?
Wären wir als Menschheit ein bisschen reicher und ruhiger im Dasein, friedlicher uns selbst und anderen gegenüber, wenn wir uns öfter Gelegenheit zu solchen und ähnlichen Orientierungsfragen ermöglichen würden? Auch um den Preis einer gewissen ökonomischen Effizienz, die letztlich unter derzeitigen politischen Verhältnissen ohnehin den Milliardären zukommt, die damit in den Weltraum fliegen und zur Titanic tauchen?
Einen wichtigen Grundsatz für das Leben, für das meiner Tiere, aber auch für mein eigenes, habe ich aus dieser Beschäftigung mit Leben und Tod jedenfalls gelernt: Ich glaube an ein Leben vor dem Tod. Und damit meine ich durchaus ein Leben, das diesen Namen auch verdient.
Selbst erleben: Weil ich mir gut vorstellen kann, dass das Thema auch andere interessiert, und weil nicht jeder gleich auf einen Bauernhof ziehen kann, wollen wir die Erfahrung auch als Workshop anbieten. Bei Interesse findet ihr hier mehr Information: https://hofwaerts.at/workshops-am-hof/
2 Comments
der neue Blog gibt einen guten Einblick in die Arbeit der verantwortungsvollen Bauern/Bäuerinnen und diese schätzen!
und es zeigt uns allen, das wir achtsamer sein sollen, was wir einkaufen ,und wie wir uns gesund ernähren können. Renate
Danke Renate, das freut uns sehr!