Frühlingserwachen

Frühling. Mir und Rufus, unserem Zuchtwidder, hat er eine Reihe von Begegnungen beschert, die unser Verhältnis neu definiert haben. Ich sch… mich, um ehrlich zu sein, ziemlich an vor ihm, spätestens seit er einmal hochschwangeren Besuch mit Kind an der Hand gerammt hat, um seine ihrerseits hochträchtigen Weibchen zu verteidigen. Ja eh, ist seine Aufgabe, und es ist auch niemandem was passiert, er hat quasi nur angedeutet, was er kann. Doch seitdem gilt für alle: niemals den Rücken zudrehen, sich so kurz wie möglich bei ihm aufhalten, kein Streicheln und Verwöhnen (er genießt das zwar sehr, es senkt aber angeblich auch seine Angriffshemmung, wenn er einen dann doch als Gefahr wahrnimmt).

Jedenfalls, der Frühling. Derzeit haben wir drei Herden: die Männchenherde, bestehend aus Rufus und seinen bereits geschlechtsreifen Söhnen; die Melkherde, bestehend aus allen Melkschafen, ihren Jungen sowie Kurt, dem neuen Widder; die große Herde, bestehend aus allen Auen, die nicht gemolken werden, und ihren Lämmern.

Rufus der Schöne

Die Rufusherde ist immer draußen, die Nacht verbringen sie im Unterstand. Die anderen beiden Herden werden morgens hinaus und abends herein getrieben. Dieses Prozedere wiederholte sich jeden Tag mehr oder weniger ereignislos, bis der Frühling den Bäumen in die Knospen und Rufus in die Glieder fuhr. Der Zaun ist jetzt eine Empfehlung bzw. eine ideale Gelegenheit, Kraft und Männlichkeit unter Beweis zu stellen, in dem man das 1,50m hohe Drahtgeflecht aus dem Stand überwindet. Genau das hat Rufus gestern gemacht, und da ich allein zuhause war, war das übliche Delegieren der Rufusangelegenheiten an den Bauern nicht möglich (Danke, Bauer, an dieser Stelle für alles bisher Geleistete). Man muss jetzt dazusagen, der Kerl wiegt eineinhalbmal so viel wie ich, also der Widder. Es macht ihn auch nicht weniger beängstigend, dass er, sehr schaf-untypisch, reglos und mit allzeit bereit gesenktem Kopf stehen bleibt, wenn man auf ihn zugeht. Ich habe also kurz überlegt: jetzt trächtige Weibchen heißt im August Lämmer heißt mehr Schafe über den Winter füttern heißt mehr Heu machen müssen heißt weniger Urlaub im Sommer… und weiter überlegt: irgendwie werde ich schon mit dir fertig werden.

Kurt der Neue

Da er ja freundlicherweise stehenbleibt, konnte ich ihm in aller Ruhe meine Jacke um den Hals legen und die zusammen genommenen Ärmel als Zügel verwenden. Ein bisschen Schieben, Ziehen und selbst Gezogen werden später war er wieder, wo er sein sollte. Dachte ich, denn bei einem Kontrollblick ein paar Minuten später stand er vergnügt wieder mitten in der großen Herde voller Weibchen mit Trächtigkeitspotential. Das Ganze hat sich ein paar Mal wiederholt, bis ich ihn in den Stall gesperrt habe, das Problem harrt derzeit einer Lösung. Aber darum geht es grade gar nicht, was zählt ist: Rufus macht mir keine Angst mehr! Manchmal fühle ich mich schon wie eine richtige Bäurin.

 

Gemolken wird

Seit einer Woche melken wir wieder, wie jedes Jahr für ein paar Wochen, heuer bis Anfang Mai. Das Melken von Hand hat sich bewährt, weshalb es so erst mal weiter geht, aber die Anschaffung einer Melkmaschine steht dennoch auf dem Programm.

Foto: Almuth Kunrath

Sieben Auen sind es derzeit, die einmal morgens gemolken werden: auf dem Bild hockt die Bäurin vor dem Melkstand, mit Nachbars Hilfe selbst gezimmert, anno 2016! Drei bis vier Liter sind es, die wir so täglich ernten.

Foto: Will Overmann

Das fertig gemolkene Mutterschaf wird aus dem Melkstand entlassen, auf der anderen Seite warten bereits ein oder zwei hungrige Lämmermäuler. Kein Zweifel: sie freuen sich über das Wiedersehen nach der nächtlichen Trennung.

Aus der schaumigen, körperwarmen Milch, die wir ins Haus tragen, zaubern wir verschiedene Käsesorten. Frischkäse mit Kräutern und Feta in Olivenöl oder Salzlake haben sich schon letztes Jahr bewährt, heuer versuchen wir auch Schafsmozzarella!