Projekt Gemeinschaftsgarten

Was soll das sein?

Ein Versuch! Auf unserem kleinen Hof am Nestelberg in St. Stefan betreiben wir seit Jahren Selbstversorgung mit Obst und Gemüse, so gut das zu zweit und neben Familie und unseren Jobs eben geht. Irgendwann haben wir uns gedacht: Land ist mehr als genug da, warum tun wir uns nicht mit anderen zusammen und teilen die Arbeit und die Ernte? Und dabei auch gleich das Wissen, die Freude und manchmal auch den Frust.

Für wen soll das sein?

Für alle, die Lust haben, Obst , Gemüse und Kräuter aus eigenem Anbau zu genießen und dabei nicht allein vor sich hin zu werken! Der Gemeinschaftsgarten ist für die, die keinen Ort haben um etwas anzubauen, aber auch für alle, die selbst einen Garten oder sogar noch mehr Land haben. Denn die eigentliche Frage ist: Arbeite ich lieber alleine oder gemeinsam mit anderen?

Besonders freuen wir uns auch über Mamas und Papas bzw. Omas und Opas, die ihre Kinder und Enkel mitbringen und mitmachen lassen wollen! Willkommen sind uns aber alle, Nachwuchs ist keine Voraussetzung ;o)

Wie sieht das genau aus?

Das wissen wir selbst noch nicht. Eine Voraussetzung ist sicherlich die Bereitschaft, zumindest einen Halbtag in der Woche in den Gemeinschaftsgarten zu stecken. Etwa um Jungpflanzen zu ziehen, Beete vorzubereiten, zu jäten und irgendwann natürlich um zu ernten. An Kosten fällt im ersten Jahr nur eine Beteiligung am eingekauften Saatgut an, oder ihr bringt selber Saatgut mit – da wir ein Biobauernhof sind, muss es allerdings auch Bio-Saatgut sein.

Alles andere soll sich mit den Beteiligten entwickeln: wie viel genau wollen wir anbauen, wollen wir auch Obstbäume und Sträucher setzen, um in den nächsten Jahren davon zu ernten, sollen Strukturen hinzukommen (zum Beispiel Zäune und Hochbeete), wollen wir Überschüsse gemeinsam verarbeiten? Uns geht es bei dem Projekt jedenfalls nicht um einen finanziellen Gewinn, sondern darum, in einer Gemeinschaft anzubauen, zu gestalten, zu lernen und zu genießen. Am Ende soll das Geben und Nehmen für alle stimmen – und wann das der Fall ist, lässt sich mit der besten Planung nicht im Voraus festlegen. Neben Zeit gilt es also Neugier und Offenheit für ein Projekt in den Startlöchern mitzubringen.

Wo ist das nochmal?

Am Koglerhof in St. Stefan im Rosental, Nestelberg. Umgeben von Hühnern, Schafen, Wiesen und Wäldern. Als überzeugte Biobäurin arbeite ich ohne Kunstdünger, ohne Unkraut- und Schädlingsvernichter (die wirken nämlich auch auf alles drum herum) und am liebsten mit lokalem, ungebeiztem Saatgut. Also Achtung, Schnecken und Kartoffelkäfer klauben könnte ebenso zu den Arbeiten im Gemeinschaftsgarten gehören wie im Herbst selber Tomatensamen fürs nächste Jahr zu gewinnen!

Ich will mitmachen! Wann und wie?

Ein Einstieg ist jederzeit möglich, am besten bei mir telefonisch oder per Mail melden: Isabella Bösch-Weiss, 0699 1029 1774, isabella@hofwaerts.at

Updates posten wir auch auf Facebook und Instagram: facebook/hofwaerts

Flaschenlämmer … Von Schafen und Menschen

Wort zum Sonntag (vom Biobauernhof mit Aufklärungsanspruch):

Wird ein Lamm in die falschen Verhältnisse geboren, dann stirbt es. Wenn bei der Lammung etwas falsch geht, wenn der Mutterinstinkt aussetzt, … Dann gibt es in der ganzen Herde keine Aue, die das Kleine Trinken lässt, und es verhungert inmitten seiner Artgenossinnen. Zwischen lauter Eutern in denen genug Milch wäre, das Lamm gut durch zu bringen. Die Natur hat das so „eingerichtet“, weil die Kosten für die Herde vermutlich auf diese Art geringer sind, als wenn die Auen zu großzügig wären.
Die Idee, dass die Schwachen, oder diejenigen, die nicht in die richtige Familie geboren worden sind, trotzdem überleben können, bringen wir Menschen zu den Schafen. Mit Zwang bringen wir die Tiere zum Ausgleich. Freiwillig geben uns die Auen ihre Milch nicht, freiwillig lassen sie das Flaschenlamm nicht trinken.
Und dann können wir das eigentlich gleich eine Etage höher nehmen und den Sozialstaat mit diesen Augen sehen: Wir sind keine Schafe, primitiv unserer genetischen Programmierung ausgesetzt. Wir sind Kultur-Wesen die Ideen verwirklichen können. Wir können dem Glück und Unglück der Geburt etwas entgegen halten. Etwas, das gerechter ist. Wir sind keine Schafe!

Lammfleisch, aber richtig!

Hofwärts proudly presents: Krainer Steinschaf Bio-Lammfleisch oder Warum wir tun, wie wir tun. Versuch eines unalphabetischen Wörterbuchs der umweltgerecht-tierethischen Fleischproduktion.

Krainer Steinschaf: Dabei handelt es sich um eine hochgefährdete alte Nutztierrasse, die ursprünglich in Gegenden Kärntens, der Steiermark und Sloweniens beheimatet war. Wir haben uns für die Krainer entschieden, weil sie zutraulich und bunt sind! Ersteres sind sie, weil sie traditionell auch als Milchschafrasse verwendet wurden. Bei Melktieren gehört Aufgeschlossenheit gegenüber Menschen quasi zur Jobbeschreibung. Bunt heißt, dass es schwarze, braune, graue, weiße und gefleckte Tiere gibt, wobei die dunklen Farbschläge überwiegen. Folgerichtig ist es auf unseren Weiden also das weiße Schaf unter den schwarzen, das verhaltensauffällig ist. Das mag allerdings auch daran liegen, dass es sich beim Weißen um einen der beiden Zuchtwidder handelt. Die Herdengröße von rund 20 Muttertieren, zwei Widdern und etwa 30 Lämmern im Jahr ist ideal für uns: wir kommen mit den am Hof vorhandenen Weide- und Heuflächen gut aus und kennen außerdem noch alle Tiere – ja, inklusive Lämmer – beim Namen!

In den letzten Jahren hat das Krainer Steinschaf ein Comeback als Fleischrasse gefeiert und wird wieder vermehrt gehalten und gezüchtet. Wer das zarte Fleisch einmal gekostet hat und um die besonderen, aufwändigen Produktionsbedingungen Bescheid weiß – die Lektüre dieses Wörterbuchs hilft dabei! – wird kein anders Lamm mehr essen wollen.

Alte Nutztierrasse: Mit diesem Begriff tun wir uns ein wenig schwer, weil alt an sich überhaupt nichts aussagt bzw. etwas nicht automatisch gut ist, weil es alt ist. Verwendet wird der Begriff alte Nutztierrasse als Abgrenzung zu moderner Hochleistungsrasse. Vor diesem Hintergrund lässt er sich wie folgt definieren: Es handelt sich dabei um eine Nutztierrasse, die hervorragend an ihren Lebensraum angepasst ist und in der Regel für mindestens zwei, wenn nicht sogar mehr Zwecke gehalten wird. So sind die Krainer Steinschafe beispielsweise gute und genügsame Futterverwerter, die auch mit dem kargem Nahrungsangebot eher trockener Gebiete gut zurechtkommen. Sie sind ideal geeignet für die Freilandhaltung in ihren Heimatgegenden und ihr Organismus hat sich an die lokalen Krankheitserreger und Parasiten angepasst. Diese Standortangepasstheit ist das Ergebnis jahrhundertelanger Züchtung.

Wie viele andere alte Nutztierrassen auch ist es ein klassisches Mehrnutzungstier: Es liefert den Menschen Fleisch, Milch und Wolle. Auf unserem Hof etwa werden sie hauptsächlich für die Vermarktung von Lammfleisch gehalten, zweimal im Jahr aber melken wir ein paar Wochen lang für den Eigenbedarf an Milchprodukten. Und wenn wir das nicht tun, ist es auch egal: es ist ja eine Zweinutzungsrasse, die auch dann einen wirtschaftlichen Zweck erfüllt, wenn sie nicht  gemolken wird. Die Wolle dient als Isoliermaterial und Langzeitdünger, die Felle lassen wir gerben und verwenden sie als Kinderwagenwärmer, Wickelunterlage, Bettvorleger und Gartenmöbelauflage.

Moderne Hochleistungsrassen: Sie entstehen, wenn in der Zucht auf ein bestimmtes Merkmal fokussiert wird, und zwar auf eine möglichst hohe Leistung des Tieres in einem Bereich. Auf das Schaf umgelegt sind so in den letzten Jahrzehnten Milchschafrassen und Fleischschafrassen entstanden. Das Gleiche gilt für Rinder, und bei Hühnern kennen wir Legerassen und Fleischrassen. Das Verfahren im Schnelldurchlauf am Beispiel der Milchkuh: Gesucht sind Tiere mit hoher Milchleistung, das ist die Menge an Milch, die ein Tier aus seinem Futter produzieren kann. Wie viel Liter Milch das sind, hat mit dem Stoffwechsel der einzelnen Tiere zu tun: Manche Kühe können mehr Nahrung in kürzerer Zeit in Milch verwandeln als andere. Ein weiteres wichtiges Merkmal bei Milchkühen ist natürlich ihre Melkbarkeit: Ein Tier, das sich nicht anfassen lässt, kann noch so viel Milch im Euter haben, es wird das Rennen um den Titel beste Milchkuh im Stall nicht für sich entscheiden. Werden nun konsequent jene Kühe vermehrt, die viel Milch geben und sich gut melken lassen, dann weisen nach ein paar Generationen verlässlich alle neugeborenen Tiere diese Eigenschaften auf bzw. geben sie weiter: eine Hochleistungsrasse ist entstanden. In Zahlen: 1960 gab eine hervorragende Milchkuh etwas mehr als 3.000 kg Milch pro Jahr, 2016 lag die Spitzenleistung bei mehr als 8.000 Litern im Jahr. Klingt doch super, warum dann überhaupt mit den alten Nutztierrassen weiter tun? Die Antworten haben mit der Mensch-Tier-Beziehung, (Stichwort Tierethik) mit Ressourcenschonung und mit Widerstandskraft (Stichwort Resilienz) zu tun.

Tierethik: Diese Disziplin befasst sich mit den moralischen Fragen, die sich aus dem Umgang des Menschen mit Tieren ergeben. Eine solche Frage stellt sich zum Beispiel, sobald eine Milchkuh ein Stierkalb zur Welt bringt oder aus dem Ei einer Legehennenrasse ein männliches Küken schlüpft. Wegen des fehlenden X-Chromosoms wird ersteres niemals Milch geben und zweiteres kein einziges Ei legen, und aufgrund weiterer genetischer Voraussetzungen ist es wirtschaftlich nicht sinnvoll, sie als Fleischtiere zu mästen: ihre Vorfahren wurden schließlich dahingehend gezüchtet, ein Maximum des verfügbaren Futters in Milch bzw. Eier zu verwandeln, während seine Verwandten der Mastlinien unschlagbar darin sind, dasselbe Futter als Fleisch anzusetzen. Die männlichen Nachfahren von Legerassen bzw. Milchkühen haben im Vergleich keine Chance, das Verhältnis von Input (Futter) zu Output (Fleisch) lohnt sich nicht. Was also tun mit ihnen? Männliche Küken werden zu Millionen am ersten Lebenstag getötet, Stierkälber, bei denen das aus Tierschutzgründen verboten ist, werden oft vernachlässigt und dann ebenfalls so bald wie möglich geschlachtet. Die tierethische Frage lautet: Hat jedes Tier, das in der Obhut des Menschen zur Welt kommt, das Recht auf ein Leben vor dem Tod?

Ressourcen: Die Mittel, die eingesetzt werden müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. In der Landwirtschaft sind das zum Beispiel Futter und Medikamente. Je nachdem, wie viel davon verwendet werden muss, um das gewünschte Lebensmittel zu produzieren, spricht man von intensiver oder extensiver Landwirtschaft. Oben habe ich die standortangepassten und daher robusten alten Nutztierrassen erwähnt. Für unseren bäuerlichen Alltag mit Krainer Steinschafen heißt das: in aller Regel bekommen unsere Schafe erst am Ende ihres Lebens einen Tierarzt zu Gesicht. Und dann nicht etwa, weil sie krank sind, sondern weil es konsumentenschutzrechtlich vorgeschrieben ist, vor dem Schlachten eine Lebendtierbeschau durchzuführen. Alles andere kriegen die Tiere alleine hervorragend hin, bei Bedarf verabreichen wir ihnen ein Wurmmittel. Krankheiten, Seuchen, Verletzungen oder Probleme beim Ablammen: kommen so gut wie nicht vor. Das ist bei Hochleistungsrassen anders und hat mehrere Gründe, nicht nur die geringere Standortangepasstheit. Auch die Massentierhaltung und der körperliche Dauereinsatz für die Lebensmittelproduktion (Milchkühe etwa sind fast ununterbrochen trächtig und werden gemolken) machen die Tiere anfällig für Krankheiten. Hochleistungsrassen verzeichnen also einen hohen oder auch intensiven Einsatz von Medikamenten, das gleiche Bild lässt sich für Futtermittel zeichnen. Viele alte Nutztierrassen sind ideal eingestellt auf das Futterangebot in ihrer Umgebung und können es ausgezeichnet verwerten. Der Output ist natürlich geringer: unsere Krainer setzen höchstens halb so viel Fleisch an wie ein Mastschaf in derselben Zeit. Sie benötigen dafür allerdings wesentlich weniger Futter, und davon nur das, worauf sich Wiederkäuer im Laufe der Evolution spezialisiert haben (und was Menschen ohnehin nicht verwerten können): Gräser und Kräuter, frisch von der Weide oder getrocknet als Heu. Ein Mastschaf, egal ob bio oder konventionell, wird zusätzlich dazu mit proteinreichem Futter versorgt. Durch Getreide, Mais und Soja setzt es rasch Fleisch an. Eine Zweinutzungsrasse wie das Krainer Steinschaf kann da nicht mithalten, das Fleisch wächst langsam und das Tier erreicht seine Schlachtreife oft erst mit einem Jahr. Doch der extensive Futtereinsatz schont Ressourcen und hat auch noch einen wunderbaren Nebeneffekt: Geschmacklich und gesundheitlich ist das Fleisch von extensiv und artgerecht gefütterten Tieren in Freilandhaltung unübertroffen. Das Gleiche – ressourcentechnisch wie geschmacklich – gilt übrigens für Milchprodukte: ohne intensiven Futtereinsatz können die Tiere keine Spitzenleistungen erzielen.

Resilienz: Ein Begriff aus der Psychologie, der in letzter Zeit auch rund um ökologische Fragen Konjunktur hat. Dort bezeichnet er die Widerstandsfähigkeit einzelner Arten und Ökosysteme gegenüber dem schleichenden oder abrupten Wandel der Umweltbedingungen. Mitunter wird er auch verwendet, um darzulegen, wie wichtig die Vielfalt an unterschiedlichen Nutztierrassen ist. Eine Konzentration auf Hochleistungsrassen bedeutet eine Verdrängung dieser Vielfalt und damit einen Verlust der bereits viel zitierten Standortangepasstheit. Gerade in Zeiten von Erderhitzung und Wetterextremen werden wir auf genau diese Bandbreite angewiesen sein, wenn wir Nutztiere züchten wollen, die diesen Bedingungen ohne intensiven Ressourceneinsatz gewachsen sind. Dasselbe gilt im Übrigen für die Sortenvielfalt von Nutzpflanzen und sowieso für die nicht (unmittelbar) landwirtschaftlich genutzte Umwelt, Stichwort Biodiversität.

Hofwärts Krainer: Damit meinen wir unsere eigene Herde sowie unsere persönliche Haltungspraxis. Die ist mit artgerecht und biologisch ganz gut umschrieben, doch manche Herausforderungen im Alltag sind nicht in Definitionen und Gesetzen geregelt. Im Umgang mit den Tieren fragen wir uns etwa immer wieder, was wir ethisch vertreten können. Wir hatten zum Beispiel einmal ein Schaf, das herausgefunden hat, dass es über Zäune springen kann. Es hat sie dabei zerstört, war eine Gefahr auf der Straße und hat mehr als einmal Nachbars Feld nieder getrampelt. Der Kogler wollte es schlachten, ich aber habe es nicht übers Herz gebracht, es dafür zu töten, dass es schlauer und mutiger als die anderen ist. Meine Ziege im Körper eines Schafes habe ich sie genannt. Als sich ihre Lämmer dieses Verhalten aber dann abgeschaut haben, war auch mir klar, mit so einem Tier lässt sich nicht züchten. Oder die Frage, wie mit mutterlosen Lämmern umgehen? Bei unseren rund 20 Muttertieren und etwa 30 Lämmern pro Jahr ist immer eines dabei, das von der Mutter nicht angenommen wird.  Es darf dann nicht trinken und blökt verzweifelt, weil es hungrig und einsam ist. Wir könnten es seinem Schicksal, sprich dem Hungertod überlassen, an einen Mastbetrieb verschenken oder selber füttern. Klar, ersteres kommt rechtlich und moralisch nicht in Frage, aber auch zweiteres nicht, weil: wir fühlen uns verantwortlich für die Tiere, die bei uns zur Welt kommen. Bleibt also, es mit der Flasche großzuziehen bzw. ihm zu Muttermilch zu verhelfen, indem wir die Auen zum Säugen festhalten. Mehrmals täglich, drei Monate lang. Oder die Frage der Namensgebung und der Anspruch, jedes Tier bei seinem Namen zu kennen. Immer wieder sagen uns Leute: was, und diese Tiere könnt ihr dann noch schlachten? Gerade diese Tiere! Denn die Alternative ist, dass es keinen Namen hat und nicht als Individuum wahrgenommen wird. Wir überlegen uns also für jedes Jahr ein Motto – heuer war es griechische Mythologie – und wählen daraus für jedes neue Lamm einen Namen. Dann versuchen wir uns Details zu merken, zum Beispiel weiße Flecken da und dort und ob die Wolle glatt oder lockig ist, damit wir sie wiedererkennen. Wenn es irgendwann Zeit wird, zu schlachten, hadert der Kogler – ich zum Glück weniger –  jedes Jahr wieder damit, dass er es ist, der über Leben und Tod entscheidet: welches wird jetzt geschlachtet, welches später, welches behalten wir zum Züchten und welches versuchen wir als Zuchttier zu verkaufen?

Schlachten: Das Töten eines Nutztieres, in der Regel, um es der Lebensmittelproduktion zuzuführen. Unsere Lämmer kommen im Jänner zu Welt und werden ab Herbst geschlachtet. Den Großteils ihres Lebens haben sie also auf der Weide verbracht, Gras und Kräuter gerupft und mit den anderen Lämmern herumgetobt. Irgendwann finden die Tiere draußen nicht mehr genug Nahrung und müssen mit Heu versorgt werden. Die Heuernte ist aufwändig, der Ertrag extrem wetterabhängig, und so versuchen wir nur die Tiere über den Winter zu füttern, die wir ohnehin behalten. Die anderen werden nach einem Leben, das diesen Namen verdient, zu einem exquisiten Nahrungsmittel. Im Nachbarort gibt es einen Bauern und Metzger, der sich am Hof Schlachträume eingerichtet hat, mit dem arbeiten wir zusammen. Wenn es soweit ist, werden die Tiere am Vorabend im Herdenverband in einem Hänger voll Heu zum Schlachtbetrieb gebracht. Der Transportweg ist kurz und die Tiere haben zu Fressen und vertraute Gesichter um sich. Am nächsten Morgen werden sie betäubt und dann mit einem Kehlenschnitt getötet. Nach der Schlachtung lässt der Metzger sie einige Tage im Kühlhaus abhängen, dadurch wird das Fleisch zart und mürbe. Wenn es vom Tierarzt beschaut und freigegeben wurde, treffen wir uns beim Schlachter, er zerlegt die Tiere in seine Teile und wir vakuumieren und etikettieren sie. Dann sind sie fertig für den Verkauf!

Erntedank

Fünf Minuten vor dem  Sechs-Uhr-Wecker von halbwüchsigen Hähnen geweckt, die grade das Krähen lernen, die Tiere trotzdem versorgt, Frühstück und Jause gerichtet, noch schnell lauwarm geduscht, bevor es die Jungkoglerin zu wecken galt. Heißes Wasser war grad aus, und da der Kogler beruflich in Wien weilt und die Singapuris, die grad gegen Kost und Logis mit anpacken, heute frei hatten, fand sich niemand sonst fürs Einheizen.  Hätte außerdem eh zu lange gedauert, bis das bei mir im Duschstrahl ankommt.

Jungkoglerin in den Kindergarten gebracht, Gäste aus Singapur bei der Zotter-Schoko-Fabrik abgesetzt, wieder heim, Vormittag für Büroarbeit genutzt: zwei Lammfell-Bestellungen bearbeitet, unsere Workshops bei Foodkoops beworben, Anfragen auf Workaway beantwortet, meine Verfügbarkeit für den Brotjob jenseits des Hofes bekannt gegeben. Alles, wozu ich nicht gekommen bin, auf einer To-Do-Liste für morgen notiert, Mittagessen vorbereitet, Wäsche aufgehängt.

Dann, beim Abholen der Kleinen, war der Schwung weg. Deshalb hab mich doch noch nicht getraut, mit der Kindergärtnerin über  Gott zu reden. Der ist gerade sehr präsent in den laut ausgesprochenen Gedanken der Jungkoglerin. Letztens etwa hat sie dem Kogler erklärt, sie könne spüren, dass Gott bei ihr sei. Es dürfte mit den Vorbereitungen zum morgigen Erntedankfest im Kindergarten zu tun haben und den Liedern und Geschichten dazu. Denn höchstpersönlich erschienen wird er ihr ja wohl nicht sein. Ich sage ihr also, dass es sich mit Gott ähnlich verhält wie mit Gespenstern, Hexen und Monstern. Sie existieren natürlich, aber nicht in Echt, sondern in den Geschichten, die sich die Menschen erzählen. Das sind zwei unterschiedliche Formen von echt, Kinder können beide. Gedanklich füge ich hinzu: Aber auch für manche Erwachsene sind diese Erzählungen Grund genug, sich so zu verhalten, als gäbe es wirklich einen Gott. Ist in Ordnung, abgesehen von Gewalt und Unterdrückung im Namen eines Gottes. Andere, darunter deine Eltern, ersetzen die Geschichte von Gott durch jene von Aufklärung und Humanismus (von wegen ohne Bekenntnis!), manche leben mit beiden Geschichten gleichzeitig und darüber hinaus gibt es unzählige Schöpfungsmythen und Gottesversionen. Wichtig ist vor allem, dass jeder Mensch die Wahl hat. Daher müssen Kinder, denen von der Existenz Gottes erzählt wird, auch über seine Nicht-und Anders-Existenz aufgeklärt werden. Dann frage ich sie, warum ich Gott für unsere Ernte danken soll, wo doch ich diejenige war, die gesät, gejätet und ins Haus getragen hat, und dass wir angesichts der von uns Menschen herbeigeführten ökologischen Krise von Jahr zu Jahr froher sein können, wenn es überhaupt irgendetwas zu ernten gibt. Stimmt, den zweiten Teil des Satzes habe ich wieder nicht gesagt, aber gedacht habe ich mir: das hätte ich gerne, das mit Kindern thematisiert wird, wenn es um Erntedank geht. Wie dem auch sei, wenn ich ihr so komme, wird sie unrund, denn wie kann denn so falsch sein, wovon die Kindergärtnerinnen, bei denen sie sich aufgehoben und angenommen fühlt, erzählen? Wenn ich dann doch demnächst das Gespräch mit den beiden suche, werde ich damit beginnen, dass sie ihren Job ziemlich gut machen.

Wieder daheim war ich dann sehr schlecht drauf. Frisch enttäuscht von mir selber, immer noch enttäuscht vom Ergebnis des Frauenvolksbegehrens und vor allem von denen, die unterschrieben hätten, weil sie finden eh klar gehört das unterzeichnet, aber irgendwelche blöden Ausreden hatten. Mindestens zehn davon kenne ich, und von „der Weg  zum nächsten Gemeindeamt war zu weit“ über „ich hatte nie einen Ausweis bei mir“ zu „ich hab gedacht, das geht noch länger“ und sogar „was, das gabs???“ war alles dabei. Von „Ich unterschreibe nicht, weil ich nicht jede Forderung gut finde“ oder „…weil die gendern“ red ich ja gar nicht, denn es handelt sich dabei nicht um Ausreden. Wer das sagt, hat nie in Erwägung gezogen, zu unterschreiben und hätte immer irgendeinen Grund gefunden. Meine Meinung.

Unzufrieden also und auch übermüdet weil es seit Tagen rund geht – Sonntag im Nachbarort alten Schuppen abgebaut, der hier als neues Hühnerhaus wieder auferstehen wird, Montag Schlachtung von vier Altschafen und Lieferung an den Schafsmetzger zum Verwursten, Dienstag ÖBV-Frauenarbeitskreistreffen in Linz, Mittwoch, also gestern, ok, da war zumindest Ausschlafen – wird es mir irgendwann zuviel, ich bin mal wieder den Tränen nahe und die alt bekannten Zweifel packen mich. Ich lass die Jungkoglerin alleine weiter puzzeln und schreibe selbstmitleidige Nachrichten an meine Schwestern in Wien. Wie furchtbar alles ist und was ich überhaupt hier mache, dass Hofwärts sowieso nie das werden wird, was wir uns vorstellen und so weiter. Wenigstens hilft es.

Später dann kommt eine Freundin mit gleichaltrigem Kind zu Besuch, ich kann mich ein wenig ausheulen und dann gehen wir noch spazieren. Wir gehen zu unseren Minikiwi-Bäumen, zu den Weinstöcken und in den Tomatentunnel, wir kommen am Walnussbaum vorbei und im Wald liegen noch Maroni, viele.

Ich bin versöhnt für heute. Jetzt gehe ich schlafen, der Wecker ist wieder auf 6:00 gestellt. Morgen versorgen die mit massenhaft Zotter-Schoko Aufgetankten die Tiere, ich werde Zeitung lesen und dann der Jungkoglerin eine Schüssel voll Tomaten richten, roten und gelben, runden und länglichen, großen und kleinen. Selbst gezogen, frisch von der Staude. Jedes Kind soll zum Erntedank Gemüse für die gemeinsame Jause mitbringen. Warum ein so schönes Ritual nicht auch ohne Gott auskommt, bleibt mir vorerst ein Rätsel, aber das ist ebenfalls in Ordnung.

Heuernte

Hier her, du musst dich hier her stellen. So, und groß machen mit den Armen, so groß du kannst! Die Nachwuchsbäurin und ihre Freundin helfen dem Bauern, die Schafe auf eine neue Weide zu treiben. Jetzt, wo die Heuzeit endgültig vorbei ist, gehören alle Wiesen ihnen. So engagiert wie kleine Kinder das nun mal können, brüllt das Erstere dem Letzteren zu, wo es sich zu positionieren und wie es sich zu verhalten hat.

Ich sitze währenddessen auf der Bank vor dem Haus und versuche, einen Blogbeitrag übers Heuen zu schreiben. Wie man auf dem Foto oben sieht, hat hier mittlerweile der Altweibersommer Einzug gehalten (heißt angeblich so wegen der vielen Spinnennetze, die hierzulande in großer Zahl im taunassen Gras eines sonnigen Septembermorgens zu sehen sind und an das Haar alter Frauen erinnern).  Aber ich schwöre, noch vor Kurzem war es so heiß, dass wir eine weitere Mahd eingebracht haben – am 20. September!  Wer auf Anhieb weiß, warum das unüblich ist, wurde wohl mit der Heugabel in der Hand geboren und kann die Lektüre ab hier bleiben lassen. Für alle anderen:

Kleines 1×1 des Heuens

Heuen bezeichnet den gesamten Prozess des Heu Machens bzw. der Heuernte. Also vom ersten Blick auf sämtliche Wetterberichte über das Absagen aller Termine für die nächsten Tage bis zum gegenseitigen Heu-aus-den-Haaren-Zupfen nachdem alles unter Dach ist.

Ist die Entscheidung fürs Heuen getroffen, werden die Geräte einsatzbereit gemacht. In unserem Fall ist das ein Steyr-Traktor Baujahr ´63 mit einem seitlich ausklappbaren Mähwerk. Damit tuckert der Bauer dann über unsere Hügel und zu seiner Rechten wird der Aufwuchs der Wiesen abgeschnitten. Sieht schön aus, der große Kerl auf dem kabinenlosen Traktor, dessen längst verblasstes Rot über die grünen Wiesen zieht. (Ich kann auch Traktor fahren! Aber mir fehlt die Übung. Feministisch betrachtet sollte ich daran längst etwas ändern, von wegen Vorbild sein, Unabhängigkeit und so. Pragmatisch betrachtet reiße mich nicht wahnsinnig darum, Fahrpraxis zu gewinnen. Eine Fähigkeit zu haben bedeutet immer auch, dass sie einzusetzen erwartet werden könnte. Und wie gesagt: ein schöner Anblick).

Die frisch geschnittenen Gräser und Kräuter werden alsbald einmal gewendet, zu diesem Zweck wird der Heuwender an den Traktor angehängt. Je nach Witterungslage zwei bis drei Tage trocknen lassen, mehrmals Wenden, bis zum Verzehr an einem trockenen, luftigen Ort lagern. Der nennt sich Heuboden, Heustadl oder Heuschober. Wie es dort hinkommt? Mit dem Heuwagen. Auch das ist ein Anhänger für den Traktor, etwa eineinhalb Menschen hoch, ausgestattet mit einer, wie soll ich sagen, Walze mit Zinken, die das in Schwaden gereihte Heu beim Drüberfahren hinein gabelt. Fürs Schwaden gibt’s natürlich auch ein eigenes Gerät.

Einst, Jetzt und in Zukunft

Zu anderen Zeiten und an anderen Orten werden fürs Schneiden Sensen, fürs Wenden Heugabeln und fürs Schwaden Rechen eingesetzt. Und viel menschliche Arbeitskraft. Könnten wir auch so machen, wollen wir aber nicht. Weil sich weiter bilden, Blogbeiträge schreiben, außerhalb des Hofes arbeiten und Freizeit haben auch Spaß machen.

Zurück zum 20. September: Üblicherweise ist die erste Mahd – also der erste Schnitt, die erste Heuernte – frühestens Ende Mai sinnvoll, die letzte Mahd sollte im Lauf des August eingebracht sein. Davor und danach sind die Tage kürzer, die Morgen taunasser, das Wetter unbeständiger und die Temperaturen niedriger. Aber heuer hatten wir Glück im Unglück. Glück, weil wir auf einen Sommer zurückblicken konnten, in dem sich Regen und Sonnenschein nahezu perfekt abgewechselt haben. Das sind optimale Wachstumsbedingungen für die Wiese, und als der September nochmal Heuwetter aufgeboten hat, war genug da für eine weitere Mahd. Unglück, weil es sich nichtsdestotrotz um ein ungewöhnliches Wetterphänomen handelt, wie zum Beispiel auch die extreme Hitze und Trockenheit dieses Jahr in Teilen Deutschlands. Und weil diese Wetterphänomene zunehmen, und das Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion in Zukunft nicht leichter machen wird.

Frauenvolksbegehren 2018

Der Bauer in seiner Funktion als Vizebürgermeister bzw. Ortsparteivorsitzender hat mich gebeten, für den SPÖ-Gemeindekurier einen kurzen Text über das Frauenvolksbegehren zu schreiben. Et voilá. Exklusiv und vorab hier für alle, die unseren Blog verfolgen. Im Lauf der Woche auch in 1.300 St. Stefaner Haushalten. Hoffen wir, es nützt was! Zur Sicherheit hier nochmal für alle, die nicht in einem St. Stefaner Haushalt wohnen und es noch nicht getan haben: Unterschreiben! von 1. bis 8. Oktober in jedem Gemeindamt. Für eine menschliche Zukunft!

 

Wozu ein Frauenvolksbegehren?

Um ein Zeichen zu setzen: für eine Zukunft, in der alle Menschen gleich gute Chancen haben, das Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Egal, ob sie als Mädchen oder Buben auf die Welt gekommen sind.

Ist das nicht ohnehin schon so?

Frauen sind öfter in Teilzeit beschäftigt und verfügen damit über weniger Einkommen – jetzt und in der Pension; Frauen sind für den Großteil der Hausarbeit, der Kindererziehung und der Altenbetreuung zuständig; Frauen sind wesentlich seltener in politischen Ämtern als Männer. All das erschwert die Chancen, das eigene Leben nach seinen Bedürfnissen zu gestalten.

Hinzu kommt, dass es seit dem Regierungsantritt im Dezember 2017 eher rückwärts als vorwärts geht. So wurde etwa das Unterrichtsprinzip, das Lehrkräfte dazu auffordert, Kinder im Sinne der Gleichstellung von Frau und Mann zu erziehen, abgeschafft. Dafür gibt es jetzt den 12-Stunden-Tag, der es Eltern noch schwerer machen wird, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Soll ich auch unterschreiben, wenn ich nicht jede Forderung gut finde?

Ja. Denn es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Je mehr Menschen unterschreiben, umso deutlicher ist dieses Zeichen. Im Frauenvolksbegehren stehen Forderungen, die als Denkanstöße zu sehen sind – nicht alles davon wird eins zu eins umgesetzt werden. Ein starkes Volksbegehren aber signalisiert dem Parlament und der Regierung: Wir wollen, dass ihr euch mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzt und die bestmöglichen Entscheidungen trefft.

Soll ich auch als Mann das Frauenvolksbegehren unterschreiben?

Unbedingt! Finden Sie, dass Frauen für gleiche Arbeit gleich viel verdienen sollen? Hätten Sie gerne, dass Beruf und Familie für Väter und Mütter leichter zu vereinbaren sind? Wollen Sie, dass junge Menschen aufgeklärt werden und sich Verhütungsmittel leisten können?

Es heißt Frauenvolksbegehren, aber es geht auch um Buben und Männer und um die Frage, wie unser Zusammenleben aussehen soll.

Wo kann ich mich informieren, wo unterschreiben?

Samstag, 29. September, 09:00 bis 13:00 Marktplatz St. Stefan. Bei Kaffee und Kuchen stellen sich Vizebürgermeister Mag. Nikolaus Bösch-Weiss und Heike Grebien vom Frauenvolksbegehren Ihren Fragen!

Das Volksbegehren kann in jedem Gemeindeamt unterschrieben werden, in St. Stefan zwischen 1. und 8. Oktober, Montag bis Freitag von 08:00 bis 12:00, Dienstag 16:00-19:00

Das Schweigen des Lammes

Wenn Auen ihren Lämmern antworten, ertönt ein tiefes, sanftes Brummen. Ein beruhigender, fast leiser Laut, der sagen will: Ich bin hier, alles ist gut.

Wenn Schafe unzufrieden sind, etwa weil sie auf eine neue Weide wollen, Wasser oder sonst etwas brauchen, erklingt ein lautes und penetrantes Blöken: hier stimmt was nicht, ändere das! Es ist ganz und gar unmöglich, diesen Klageruf auf Dauer zu ignorieren. Bisher kannten wir ihn nur als vielstimmiges Konzert, weil der ganzen Herde irgendetwas nicht gepasst hat. Scarface, eines unserer Mutterschafe, hat unserer Wandlung von Stadtmenschen zu Bauersleuten diesbezüglich unlängst ein Kapitel hinzugefügt.

Zunächst einmal hat sie auf der Weide Zwillinge zur Welt gebracht. Alles soweit gut, eine erfahrene Aue, große Euter, ausgeprägter Mutterinstinkt.  So wie meistens, wenn die Tiere im Freien lammen, haben wir das Ganze erst mitbekommen, als die lieben Kleinen schon da waren: noch ein wenig feucht, aber schon auf den wackeligen Beinen.

Am nächsten Tag aber blökt sie eine unüberhörbare, unablässige Beschwerde, irgendetwas will sie uns mitteilen. Sie kann ja nicht wissen, dass ich mich gerade zehn Minuten hinlegen wollte. Ich stehe also auf und sehe nach dem Rechten. Sie ist allein neben dem Unterstand, der Rest der Herde ist weit weg, am untersten Ende der Weide. Um sie herum: ein Lamm. Ja genau, eines. Eine etwa zweistündige Suchaktion beginnt, ich und die Altbäuerin sowie der Altbauer, die gerade bei uns weilen, lassen nichts aus. Die Wiese ist hoch genug, um ein so junges Lamm zu verbergen, wir durchkämmen also jeden Quadratmeter und schauen in alle Schlupfwinkel im Unterstand. Nichts, weder tot noch lebendig. Scarface hat sich derweil mitsamt Lamm wieder zum Rest gesellt, selbst das tapferste Mutterschaf hält es nicht auf Dauer ohne seine Herde aus. Wie die anderen rupft sie Kräuter und Gräser, vergisst aber nicht, immer wieder zu blöken. Als ob wir nicht schon unser Möglichstes tun würden! Dabei blickt sie immer in dieselbe Richtung, hinauf zum Unterstand. So, als müsste ihr Kleiner jeden Augenblick angepurzelt kommen.

Nach unzähligen Malen den Hügel rauf und wieder runter geben wir auf, und ich hoffe, sie wird bald dasselbe tun. Dann kommt der Bauer nach Hause, ich muss ihm nicht erst mitteilen, was los ist, er hört es. Anders als ich hat Scarface nicht eingesehen, dass das zweite Lamm verschwunden ist, sondern ist zurückgekehrt zum Unterstand. Sie ruft weiter, mal leise brummend nach dem Lamm, mal laut blökend um Hilfe. Keine fünf Minuten später bin ich es, die gerufen wird. Vom Bauern, mit der Bitte, eine Taschenlampe mitzubringen… das Lamm hat geantwortet.

Unter der Futterraufe im Unterstand haben zwei verrutschte Ziegel ein kleines Schlupfloch frei gegeben, das direkt unter die benachbarte Scheune führt. Gutes Versteck für ein Nickerchen, muss der kleine Kerl sich gedacht haben. Während ich ihn gesucht habe, hat er also geschlafen, und als er aufgewacht ist und nicht mehr rausfand, hat er nach seiner Mama gerufen. Die ist prompt gekommen und hat Verstärkung geholt. Die Rettungsaktion haben wir in Bildern festgehalten, vom Versteck bis zur Familienzusammenführung. Held der Geschichte: der Bauer. Heldin der Geschichte: Scarface. Also starring: die Bäurin, die Altbauersleute, das Lamm.

Der einzige Zugang zum Versteck (für Menschen)
Auf dem Weg hinein…
… und wieder heraus
Das gerettete Lamm, mit Original-Rückständen aus dem Versteck
Scarface und ihre Lämmer wieder vereint (links das Gfrast)

Zum Brechen mit den Apfelbäumen

Der Sommer der brechenden Äste

Ich schaue nach den Schafen, ob sie Wasser haben, und gehe über die Stadelweide, das ist die gegenüber des Misthaufens, wo die vielen alten Apfelbäume stehen. Einer davon ist vor zwei Jahren umgefallen, weil er einfach schon alt war. Wir haben das Astwerk entfernt und den Strunk mit zwei Hauptästen liegen lassen, damit wir drauf sitzen können, und die Lämmer damit spielen. Wer weiß, vielleicht wirkt es auch als Insektenhotel.

Der alte Weingartenpfirsich steht auch auf der Weide. Den hat’s auch vor ein zwei Jahren erwischt. Erst war er bis zu einer gewissen Höhe blattlos, dann ganz und am Stamm hat sich schlängelförmig die Rinde abgelöst. Ja, Alterserscheinungen, denke ich mir.

Ich gehe weiter und sehe den einen Ast vom großen Grafensteiner-Apfel-Baum. Der ist schon vor ein paar Wochen runter gebrochen, weil er so voller Äpfel war.

Wir hatten 2016 und 2017 jeweils einen späten Frost, der die Blüten der Apfelbäume zerstörte, sodass wir sehr wenig Ernte hatten (so, dass wir keinen Saft machten, und auch kaum zum Lagern hatten). Dieses Jahr jetzt, nach zwei Jahren Pause, ohne Frost und mit sehr guten Niederschlagsbedingungen bei gleichzeitig viel Sonne, wollten die Apfelbäume zeigen, was sie können. Und krach, da war’s zu viel. Traurig, aber dieser eine Ast hing eh schon nahe zur Straße, und hätte wohl ohnehin gestutzt oder entfernt werden müssen. Also säge geholt und zusammengeschnitten. Immerhin haben sich die Schafe über das Laub gefreut.

Aber dann sehe ich da noch einen Baum, von dem die Hälfte herunter gebrochen ist. Und noch einen. Und dort noch ein großer Ast, fast die Hälfte, und dort drüben ist einer ganz umgebrochen. Einige dieser Äste hatten wir sogar extra mit Stangen gestützt um genau das zu verhindern. Bei anderen hätten wir aufgrund des Winkels und der Stärke des Astes/Stammes nie gedacht, dass sie brechen würden – wir hätten sie wohl auch nicht zu stützen vermocht, wenn wir gewollt hätten.

Ich sehe es und meine Lust weiter zu machen sackt in die Hose. Das bedeutet stundenlanges aufräumen, Ernteverlust im Bereich der hunderten Kilogramm und außerdem, dass meine Bäume beschädigt sind, und überhaupt haben wir gerade so viel anderes zu tun. Pfui! Wenn ich mir vorstelle, was die Apfelbauern durchgemacht haben müssen, denen es vorletztes Jahr mit dem späten Nassschnee die ganzen Plantagen kaputt gemacht hat. Zum Glück steht bei unserem Streuobst noch weit mehr als die Hälfte. Verluste ja, aber kein Totalausfall.

Aber trotzdem sind es solche Rückschläge, die man in der Romantik-Version des Traums vom Leben auf dem Land nicht vorsieht. Wir haben uns ja an viele Ärgernisse gewöhnt, aber irgendwann reichts dann auch mal. Während ich das schreibe liegt einiges von dem Holz und den Äpfeln auch noch auf der Weide. Meine Laune und meine Einstellung haben sich aber geändert:

Erstens geht es vielen Bauern in der Gegend so. Ich darf also von meinem Muster abweichen, die alleinige Schuld in meiner Unfähigkeit zu sehen, die Bäume richtig zu stützen. Außerdem haben die Bäume schon einige große Schnittflächen, wo wohl schon früher sterbende oder gebrochene Äste entfernt wurden. Alte Hochstämmer sind eben so. Ja, wir haben uns dafür entschieden, Streuobst zu haben, und offensichtlich ist das einfach, was es bedeutet Streuobst zu haben. Die Koglerin erinnert mich daran, dass wir eh 16 junge Bäume gepflanzt haben, und wieder pflanzen werden, und dass zum Kreis des Lebens eben auch das Ende der Alten dazu gehört. Ja, die Worte hör ich wohl, aber zu trösten haben sie mich erst nach einer Weile vermocht.

Nachbar Elmar nimmt’s auch halbwegs locker: Immerhin brennt Apfelholz fast so gut wie Buche, also haben wir für den nächsten Winter schon einen Teil der Waldarbeit gemacht.

So kann man es wohl auch sehen, und das ist ein bisschen weniger dunkel als der Frust, der von mir Besitz ergriffen hat. Ein Schritt nach dem andern, genießen was man hat, erinnern, warum man sich dafür entschieden hat. Erinnern, was man noch erreichen will, und dass Rückschläge zum Weg gehören, erinnern, dass der Weg auch Ziele hat, die sich lohnen, dafür zu schwitzen. Hoffen, dass Freundinnen, Bekannte und Kunden auch weiter mit uns gehen werden, und dass wir hier mehr erzeugen als nur ein bisschen essen.

Langsam hebt sich die Laune, die Ohren sind wieder offen für das Fiepsen und Piepen der Hühnerkücken, für das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Katzenjungen beim Spielen im Gebüsch.

 

Achja. Und vielleicht hilft die Perspektive, dass wir dieses Jahr nicht nur Apfelsaft machen, sondern mit Nachbars Hilfe das Projekt Obstler angehen wollen.

Ich hätte gerne

Vor knapp einer Woche sind wir aus dem Urlaub zurückgekommen, dem ersten seit drei Jahren. Es hat eine Weile gedauert, bis wir drauf gekommen sind, dass Familienbesuche in Wien oder Bregenz nicht dasselbe sind wie Urlaub. Auch schön, wichtig vor allem, und günstig, keine Frage, aber nicht dasselbe.

Wir und das Kind haben den Appartement-Aufenthalt an einem der wunderbaren Seen dieses Landes genossen, so sehr, dass ich am Ende zum Bauern gesagt habe: Ziehen wir wieder nach Wien!

Seitdem renne ich vor der Erkenntnis davon, dass mich mein Leben gerade mal wieder überfordert. Zurück nach Wien ist meine Fluchtfantasie, seit wir aufs Land gezogen sind. Jeder Mensch braucht sowas, um das echte Leben in Würde zu ertragen. Eine so starke Anziehungskraft wie jetzt hat sie schon lange nicht mehr ausgeübt.

Aber so einfach ist das nicht. Erstens hat der Bauer vor wenigen Wochen den roten Ortsparteivorsitz inklusive Vizebürgermeister übernommen. Es kam unerwartet, und was es genau bedeutet, wissen wir auch noch nicht. Aber wir beide finden, es braucht schon mehr als die – keineswegs neue – Erkenntnis, dass ein Hof als Kleinfamilie und mit Nebenjobs ziemlich anstrengend und mitunter frustrierend ist, um dieses Versprechen zu lösen. Zumindest bis zu den nächsten Gemeinderatswahlen 2020 wollen wir also bleiben. Zweitens ist ja nicht gesagt, dass ein anderer Lebensentwurf weniger anstrengend ist, es liegt wohl auch an der Persönlichkeit und der Lebensphase, was man wie gut hinkriegt.

Ich werd jetzt einfach mal ein bißchen was von dem los, was ich  gerne anders hätte, anstatt weiter zu rennen:

  • Ich hätte gerne Sitzauflagen für die Eckbank, die nicht ständig runterfallen, weil sie zu groß sind
  • Ich hätte gerne schon mit dem Taxiunternehmen abgerechnet, das bei unserer Hof-Hochzeit letzten September die Gäste chauffiert hat
  • Ich hätte gerne ein Ablagesystem für alle Artikel und Zeitschriften, die ich aufheben will, und nicht ein Stapelchaos wie derzeit
  • Ich würde gerne nicht so viel gleichzeitig wollen, Workshopbauernhof und Selbstversorgung, glückliche Beziehung, entspannt-liebevolle Mutterrolle, spannenden Nebenjob, Freundschaften, ein Haus, an dem alles seinen Platz hat…
  • Ich hätte gern ein Kinderzimmer für die Nachwuchsbäurin, das ich nicht erst anbauen muss
  • Ich hätte gerne schon einen Facebook-Auftritt für unsere Workshops, ihr wisst schon: Bauernhof mit Aufklärungsanspruch.
  • Ich hätte gerne eine Wasserpumpe mit Zeitschaltuhr, so dass ich nie vergessen kann, wieder abzudrehen. Aja, und ich hätte gerne genug Wasser in der Quelle.
  • Ich hätte gerne, dass frisch gewaschene Wäsche unmittelbar in den Kasten verräumt wird, und nicht eine Woche im Korb herumsteht, bis sich jemand – meistens ich – ihrer erbarmt. (Eine Zeitlang haben wir künstliche Wäschekorbverknappung betrieben, so dass wir einen Korb ausräumen mussten, bevor wir ihn für feuchte Wäsche wieder verwenden konnten. Hat super funktioniert, aber dann gab es Wäschekörbe in allen Farben bei Hofer…)
  • Ich hätte gerne noch viel mehr Ahnung von allem, was mit Agrarpolitik zu tun hat.
  • Ich hätte gerne immer Helferinnen und Helfer da, oder andere Menschen, die dauerhaft hier leben und Verantwortung mit uns teilen.
  • Ich möchte nie mehr um Fünf in der Früh aus dem Bett geklingelt werden, weil unsere ausgebüchsten Schafe in Nachbars Aroniahain stehen.
  • Ich hätte gerne das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben und alles gut genug zu machen.

Beim Durchlesen wird mir klar, dass es sich um First-World-Problems handelt. Das hat der Bauer zum Glück nicht geantwortet, als ich am Telefon in Tränen ausgebrochen bin und ihm dieses mein Leid geklagt habe. (Er befindet sich auf dem Weg zu einer Wochenend-30er-Feier, wie jung manche Menschen noch sind…)

Er hat gesagt: Schatz, ab Sonntag haben wir wieder Hilfe, und außerdem: Denk unser Leben nicht als entweder am Bauernhof oder in Wien. Denk ein Leben in Wien oder am Land, das uns nicht allzu oft überfordert.

Ist gut, ich denke. Und schau mir Fotos an von der Hochzeit. Siehe etwa auch das Bild oben, wundeschön wars.

Von und über uns! Ein Artikel in der Zeitschrift Land und Raum

Anfang Juni erreichte uns diese Anfrage per Mail vom ÖKL (Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung):

„Habt ihr Lust uns einen Artikel für unsere kommende Sommerausgabe der ÖKL Zeitschrift „Land & Raum“ mit dem Themenschwerpunkt „Außer- und Innerfamiliäre Hofübernahmen“ zu schreiben? Über euren Betrieb, euren Werdegang und eure Hinter- und Beweggründe, aber auch eure Visionen und Vorhaben auf dem Betrieb. Was war der Grund für die Entscheidung in die Landwirtschaft einzusteigen? Was ist eure Geschichte, euer Hintergrund? Was verbindet euch mit der Landwirtschaft? Welche Schwierigkeiten/ Herausforderungen gab es entlang des Weges? Wo möchtet ihr in 10, 20, 30 Jahren stehen?“

Ja, wir hatten Lust, lest hier das Ergebnis! Unten angehängt auch der Artikel, wie er erschienen ist, als pdf.

Hofwärts!

Ob wir es noch einmal machen würden? Das ist ein wenig so, wie mit der Frage, ob man sich wieder dafür entscheiden würde, ein Kind zu bekommen. Es gäbe mit Sicherheit weniger Nachwuchs, könnten sich die potentiellen Eltern vorher ganz genau ausmalen, was auf sie zukommt.

Die Meisten aber sind froh, dass die Fantasie nicht gereicht hat. Hätten wir so genau gewusst, was es bedeutet, ohne Erfahrung oder entsprechende Ausbildung einen Bauernhof zu übernehmen – wer weiß, ob wir jetzt hier wären. Warum wir im Nachhinein oft dankbar für unsere Unwissenheit, aber keineswegs frei von Zweifeln sind, ob es das Richtige war.

Sehnsuchtsort Bauernhof

Schräg gegenüber vom Autohaus ist ein Schild, Nestelberg, und das blau-weiße Zeichen für Sackgasse. Dort biegt man ein und folgt dann immer der Straße. Am Beginn steht ein Haus neben dem anderen, dann werden die Waldstücke länger, durch die man fährt, und Häuser sind nur mehr vereinzelt in die Landschaft gepflanzt. Nach der letzten Kurve aus dem Wald erstrecken sich hügelauf- und hügelabwärts Wiesen, eine Scheune ist zu sehen, ein Wirtschaftsgebäude, davor ein Misthaufen. Dort ist unser Hof, unser Zuhause, unser kleines Stück Welt, mit dem wir so viel vorhaben.

Eigentlich wollten wir ja zuerst auf verschiedenen Höfen mitleben und anpacken, mein Mann und ich, um herauszufinden, ob wir wirklich für das Bauernhof- und Landleben gemacht sind, als junge, akademisch gebildete Städter/innen, ohne Ahnung von Landwirtschaft. Vielleicht hätten wir das ein paar Monate, mitunter auch ein paar Jahre gemacht und wären dann in ein städtisches Leben zurückgekehrt, geheilt von romantischen Sehnsüchten und unseren Überzeugungen zum Trotz.

Eigentlich wollten wir ja einen Hof, den wir gemeinsam mit anderen betreiben, unser Arbeitsrhythmus bestimmt von Jahreszeiten und Wetter, mit Tieren, eigener Ernte und dem Duft von frisch gemähtem Heu. Mit der Möglichkeit für jede und jeden Einzelnen/n, sich auch abseits von Hofarbeit und Selbstversorgung verwirklichen zu können. Mit angeregtem intellektuellem Austausch darüber ob das, was wir tun, ein richtiges Leben im Falschen ist.

Von der Idee zur Realität

Doch es ist anders gekommen, und heute leben wir als Kleinfamilie auf einem Hof und haben das vorher nicht ausprobiert. Wir waren pragmatisch und idealistisch, vielleicht auch voreilig und naiv. An einer Hofgemeinschaft waren viele unserer Bekannten interessiert, aber erst später im Leben, zunächst in der Stadt bleiben und Geld verdienen. So lange wollten wir nicht warten. Wenn wir das auch tun, so unsere Befürchtung, dann geben wir die Annehmlichkeiten eines urbanen Lebens mit gutem Gehalt irgendwann nicht mehr auf. Wir überlegten, uns einer Hofgemeinschaft anzuschließen. Als unsere Eltern merkten, dass wir mit dem Traum vom Hofleben ernst machen wollen, kam das Angebot, uns eine Landwirtschaft zu kaufen. Die Bankenkrise war noch nicht lange her, und ein Bauernhof wäre eine sinnvolle Wertanlage für die unsicheren Zeiten, in denen wir leben. Also machten wir uns auf die Suche und haben sowohl die Idee, dieses Leben erst einmal quasi unverbindlich zu testen aufgegeben als auch die Vorstellung einer Hofgemeinschaft. Pragmatisch eben, so ein Angebot schlägt man nicht aus. Vielleicht kam es uns auch ganz gelegen so. Wir mussten alle unsere wunderbaren Vorstellungen über das Hof- und Landleben nicht zuerst an der Realität überprüfen oder den Ideen und Bedürfnissen anderer in einer Gemeinschaft anpassen. Wir waren nämlich überzeugt davon, durch die Art, wie wir so ein Hofprojekt gestalten wollten, könnten wir die Welt verbessern. Idealistisch eben, und das ist eine Grundvoraussetzung, um heutzutage in die Landwirtschaft quereinzusteigen.

Bewusstseinsbildung am Bauernhof

Beruflich haben wir beide schon vor dem Umzug aufs Land als Politische Bildner/innen gearbeitet und im Rahmen von Workshops komplexes Wissen spielerisch vermittelt. Dieses Know How haben wir mitgenommen und entwickeln uns seit einigen Jahren zum Biobauernhof mit Aufklärungsanspruch.

Was ist ein gutes Leben? Wie wollen wir mit Tieren umgehen? Wo kommt unser Essen her? Wie können wir die so genannten Umweltfragen – Verlust der Artenvielfalt, Erderwärmung, Übernutzung der Ressourcen – global, demokratisch und friedlich bearbeiten? Für alle diese und viele weitere Fragen spielen Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion eine wesentliche Rolle. Doch die wenigsten Menschen wissen darüber ausreichend Bescheid, der großen Mehrheit bleibt nur, zu konsumieren.

Mit unseren Workshops wollen wir das ändern. Wir schaffen den Rahmen, sich mit Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung auseinanderzusetzen. Wir stellen diese und weitere Fragen und  versuchen, sie gemeinsam mit den Teilnehmenden zu beantworten. Der Aufbau unserer Angebote orientiert sich dabei am pädagogischen Leitsatz „mit Herz, Hand und Verstand“, weil wir davon überzeugt sind, dass nur ein ganzheitliches Bildungserlebnis nachhaltig Bewusstsein schafft. Für unsere beiden Pilotworkshops „Vom Ei zum Suppenhuhn“ und „Vom Euter zum Feta“ bedeutet das zum Beispiel, dass die Teilnehmenden selbst versuchen, zu melken oder ein Huhn zu rupfen, währenddessen mit Informationen versorgt werden und politisieren und philosophieren können.

Unseren Hof und unseren Alltag möchten wir in kleinen Schritten entsprechend mitgestalten, auch weitere Workshops sollen entstehen. In unserer Vision 2030 gibt es Selbsterntegärten, eine gemeinsame Verarbeitungsküche, einen Hofladen, naturnahe Unterkünfte, weitere Nutztiere, einen kleinen Weingarten, Hecken, Teiche und viele andere Lebens- und Erholungsräume.

Immer, wenn wir über diese Idee reden oder schreiben, sind wir zutiefst überzeugt davon, dass es gut und wichtig ist, was wir tun. Wir wollten schon oft alles hinschmeißen, und es liegt unter anderem an dieser Gewissheit, dass wir weitermachen. Dennoch bleibt die Frage, ob das Projekt jemals einen substanziellen Beitrag zu unserem notwendigen Einkommen leisten wird. Als Liebhaberei werden wir es nicht auf Dauer betreiben. Das Feedback auf unsere Workshops ist überwältigend, der Andrang derzeit noch überschaubar.

Pragmatisch und idealistisch oder doch voreilig und naiv? Es wird sich weisen, bis dahin geben wir unser Bestes und wollen uns nicht unterkriegen lassen. Nicht davon, was wir in der Stadt alles hatten und jetzt vermissen – zum Beispiel die Nähe der Familie, mehr intellektuellen Austausch und öffentlichen Verkehr. Nicht davon, dass mancher Tag zwölf Stunden hat und voller Frustrationen steckt. Und auch nicht davon, dass die derzeitige Landwirtschafts- und Umweltpolitik mehrheitlich ein System subventioniert, dass die Umweltproblematik verschärft statt sie zu lösen.

Wir versuchen, uns an dem zu erfreuen, was da ist und warum wir es auch immer noch sind. Dazu gehört ohne Zweifel die Gemeinschaft, die wir dann doch irgendwie in unser Leben geholt haben. Hin und wieder sind wir nur zu dritt hier, als Kleinfamilie, aber den größeren Teil des Jahres steht unser Haus offen. Für Familie und Freund/innen, die gerne kommen und deren Hilfe unverzichtbar war und ist, aber auch für wildfremde Menschen. Was wir ursprünglich selbst tun wollten ermöglichen wir jetzt anderen: Leute aus aller Welt leben bei uns und helfen gegen Kost und Logis ein paar Wochen mit.

Die Sehnsucht nach dem Bauernhof, dem Leben auf dem Land, sie steckt in vielen von uns. Nicht alle können oder sollen deshalb gleich selbst einen Hof betreiben. Uns würde schon reichen, wenn viel mehr Menschen als bisher eine Vorstellung davon haben, was Landwirtschaft bedeutet und wie sie jetzt und in Zukunft betrieben werden soll. In diesem Sinne: Hofwärts!

Fotografierter Artikel als pdf